Imam-Empfang im Stadthaus Zürich – ein starkes Zeichen für Teilhabe und Dialog
Heute lud die Stadt Zürich zum jährlichen Imam-Empfang ins Stadthaus. Eingeladen waren Imame, Vertreterinnen und Vertreter muslimischer Gemeinschaften sowie Organisationen der Zivilgesellschaft.
Besonders geschätzt wurde die Ansprache von Stadtpräsidentin Corine Mauch, die den Einsatz der Stadt Zürich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft – auch der Musliminnen und Muslime – sowie den Kampf gegen jede Form der Diskriminierung, insbesondere gegen antimuslimischen Rassismus, betonte.
Auch VIOZ-Präsident Abduselam Halilovic, Imam Bashkim Aliu, Vorsitzender des Majlis al-Ulama der VIOZ sowie Christof Meier, Leiter der Fachstelle Diversität, Integration und Antirassismus der Stadt Zürich, wandten sich mit klaren Worten an die Anwesenden.
Wir danken der Stadt Zürich für ihre Offenheit und ihr langfristiges Engagement für Zusammenhalt, Respekt und gesellschaftliche Teilhabe.
Ansprache des VIOZ-Präsidenten
Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin
Sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte
Liebe Vertreterinnen und Vertreter von Stadt und Kanton Zürich,
Liebe Kolleginnen und Kollegen aus den muslimischen Gemeinschaften,
Geschätzte Anwesende,
Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, heute im Namen der VIOZ – der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich – zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich danke der Stadt Zürich herzlich für die Einladung zu diesem jährlichen Imam-Empfang. Der Imam-Empfang ist für uns eine wertvolle Gelegenheit, den Austausch zu pflegen, Beziehungen zu vertiefen und gemeinsam auf das vergangene Jahr zurückzublicken – aber auch mit Hoffnung und Tatkraft nach vorne zu schauen.
Auch im vergangenen Jahr – und insbesondere in den letzten Wochen – waren Musliminnen und Muslime in der Schweiz wieder Thema, in ganz unterschiedlicher Weise. Unsere Präsenz im öffentlichen Raum, unsere Beiträge zur Gesellschaft, aber auch unsere Herausforderungen haben auf verschiedensten Ebenen Aufmerksamkeit gefunden.
Kurz vor Beginn des Monats Ramadan, am 27. Februar 2025, hat die Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes die erste Grundlagenstudie zum antimuslimischen Rassismus in der Schweiz veröffentlicht. Die Ergebnisse sind sowohl alarmierend als auch richtungsweisend: Rund ein Drittel der etwa 450’000 Musliminnen und Muslime in der Schweiz gibt an, bereits Opfer rassistischer Übergriffe geworden zu sein – aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit. Dies steht in starkem Kontrast zu den offiziell gemeldeten Fällen, die sich derzeit nur auf einige Dutzend pro Jahr beschränken.
Dieses Missverhältnis zeigt deutlich, dass wir als Gesellschaft gefordert sind: Es braucht dringend eine bessere Sensibilisierung für die Realität antimuslimischer Diskriminierung. Und es braucht verbesserte und niedrigschwellige Meldemöglichkeiten für die Betroffenen, damit ihre Erfahrungen sichtbar und ernst genommen werden. Antimuslimischer Rassismus ist kein Problem einzelner Gemeinschaften – er betrifft uns alle. Und er fordert uns alle, gemeinsam, zu einer klaren Haltung und zu konkretem Handeln auf.
Als VIOZ erleben wir diese Realität immer wieder hautnah. Wir – und auch einige unserer Mitgliedsorganisationen – waren in der vergangenheit Ziel von Beleidigungen, Einschüchterungen und sogar Drohungen. Leider reichen diese bis hin zu Morddrohungen. In solchen Momenten ist es nicht selbstverständlich, sich weiterhin mit voller Kraft für den Dialog und das Gemeinwohl einzusetzen. Doch genau in diesen Momenten zeigt sich, auf wen man sich verlassen kann. Unser besonderer Dank gilt hier der Stadtpolizei Zürich, und hier ganz besonders Claudio Schärli, dem Brückenbauer. Die Arbeit und die Haltung der Stadtpolizei Zürich sind für uns ein Beispiel gelebter Verantwortung und Solidarität.
Ein weiterer, bedeutsamer Moment fand vor wenigen Tagen statt – beim Iftar-Essen der Föderation Islamischer Organisationen der Schweiz (FIDS), zu deren Mitgliedern auch wir als VIOZ gehören. Bundesrat Beat Jans stand dort zu einer simplen Tatsache: Dass Musliminnen und Muslime zur Schweiz gehören. Dass auch der Islam, als Religion, Teil dieser Gesellschaft ist – und somit Teil der Schweiz. Und auch Teil von Zürich.
Was für die Stadt Zürich schon lange klar ist, wurde an diesem Abend erneut bestätigt. Für uns ist das ein wichtiges Zeichen: Der Weg in die Zukunft führt über Teilhabe, über den Beziehungsaufbau, über vertrauensvolle Zusammenarbeit mit städtischen, kantonalen und Bundesinstitutionen – und mit der Zivilgesellschaft. Dass auf diese Aussage des Bundesrats leider auch heftige, negative Reaktionen folgten, war bedauerlich, aber nicht überraschend. Es wird uns jedoch nicht davon abhalten, weiterhin mutig diesen Weg zu gehen.
Ein starkes Gegengewicht war der Beitrag des SRF in der Tagesschau von Gestern. Dort wurde über das Festgebet zum Eid al-Fitr berichtet, das in diesem Jahr zum ersten Mal im Hallenstadion in der Stadt Zürich stattfinden durfte. Musliminnen und Muslime wurden in dieser Sendung einfach als das gezeigt, was sie sind: ganz normale Menschen, Familien, Gläubige, Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. In einem der grössten Stadien des Landes beteten sie in Würde und Frieden – mitten in Zürich. Solche Bilder sind nicht nur symbolisch, sie wirken.
Die Stadt Zürich hat immer wieder gezeigt – symbolisch und ganz konkret – dass sie zu ihren Bürgerinnen und Bürgern mit muslimischem Hintergrund steht. In Zeiten wie diesen bedeutet uns das besonders viel. Wir erleben hier keine leeren Worte, sondern gelebte Realität.
Heute dürfen wir uns auch über die Anwesenheit von Frau Franziska Driessen-Reding freuen, die den Kanton Zürich vertritt. Diese Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kanton Zürich ist aus unserer Sicht als Musliminnen und Muslime ein Vorzeigemodell für die ganze Schweiz. Dafür sind wir sehr dankbar. Das zeigt sich etwa im Bereich Sicherheit – einem Thema, das für uns als Minderheit besonders sensibel ist. Hier arbeiten die Stadt, der Kanton und der Bund Hand in Hand, und übernehmen gemeinsam Verantwortung, auch finanziell.
Ein weiteres Beispiel ist das Projekt „Zürich-Kompetenz“ – die Weiterbildung für Imame und muslimische Betreuungspersonen. Es ermöglicht diesen wichtigen Bezugspersonen Einblicke in Institutionen der Stadt und des Kantons. Der direkte Austausch, das gegenseitige Kennenlernen, das Verständnis für die jeweiligen Arbeitsrealitäten – all das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Hier sind auch unsere Partnerinnen und Partner aus den Kirchen zu erwähnen. Wie Sie wissen, läuft aktuell ein politischer Prozess zur längerfristigen Unterstützung nicht-anerkannter Religionsgemeinschaften durch die reformierte und katholische Kirche. Gerade heute werden wir als VIOZ unseren Antrag einreichen. Dass so etwas überhaupt möglich ist, ist ein starkes Zeichen gelebten interreligiösen Dialogs. Vielleicht sogar ein weltweit einzigartiges Zeichen. Wir sind dankbar und hoffen, dass dieser Prozess auch auf nationaler Ebene Schule machen kann.
Aktuell befinden wir uns in einem Übergangsjahr – einem Jahr, in dem uns der Kanton, aber insbesondere auch die Stadt Zürich, finanziell unterstützen. Ohne diese Hilfe könnten wir viele unserer Aktivitäten und Entwicklungsprojekte nicht umsetzen. Wir hoffen sehr, dass wir diese Unterstützung und die dadurch entstehende Zusammenarbeit auch in Zukunft weiterführen können.
Denn die letzten Jahre waren für die VIOZ sehr fruchtbare Jahre. Durch die Unterstützung unserer Partner – insbesondere auch der Stadt Zürich – konnten wir wichtige Schritte machen, die den Beitrag von Musliminnen und Muslimen zum Gemeinwohl stärken.
Ein besonders bedeutender Entwicklungsschritt war die Einrichtung unserer islamisch-theologischen Gremien. Uns ist bewusst, dass für die Stadt Zürich vor allem die gesellschaftlichen Aspekte im Vordergrund stehen, wenn es um die Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften geht. Gleichzeitig ist es für uns als VIOZ zentral, dass wir auch in religiöser Hinsicht Verantwortung übernehmen.
Der Majlis al-Ulama – unser islamisch-theologisches Gremium – ist ein Ausdruck davon, dass wir angekommen sind. Dass wir unsere unterschiedlichen Hintergründe und Migrationsgeschichten anerkennen, aber zugleich aktiv zur religiösen und gesellschaftlichen Entwicklung hier in der Schweiz beitragen wollen. Heute ist mit Bashkim Aliu auch der Vorsitzende dieses Gremiums hier – und wird im Anschluss einige Worte an Sie richten.
Liebe Anwesende,
Zum Schluss sollte nochmals betont werden: Der Weg, den wir gemeinsam gehen, ist nicht immer leicht. Aber er ist richtig. Er ist geprägt von Respekt, Zusammenarbeit, gegenseitiger Anerkennung und geteiltem Verantwortungsbewusstsein. Und genau dafür stehen wir als VIOZ.
Wir danken der Stadt Zürich, dem Kanton, den Kirchen und allen unseren Partnerinnen und Partnern für ihr Vertrauen, ihre Offenheit und ihre Unterstützung.
Unser gemeinsames Ziel ist eine offene, gerechte und solidarische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle ihren Platz finden – nicht nur formal, sondern im Herzen dieser Stadt. Zürich macht uns immer wieder Mut, dass das möglich ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – und auf eine gute, gemeinsame Zukunft.