Zürcher Forum der Religionen – Gebet der Religionen am 5. April 2020 am Hauptbahnhof Zürich

Gebet der Religionen, 5. April 2020

Anlässlich des Gebets der Religionen 2020 sprach Muris Begovic, Imam und Geschäftsführer der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, das Gebet:

Es gibt fast keinen der nicht von den «zehn Geboten» gehört hat, unabhängig davon wie stark jemand gläubig ist oder die Religion praktiziert. Auch wenn wir sie nicht aufzählen können, wissen wir, Gott hat dem Menschen etwas aufgetragen. Nebst den vielen Formen des Sprechakts in den heiligen Schriften haben wir hier einen Imperativ. Also, Imperative die von Gott kommen. In dieser Stunde stellt sich aber die Frage, ob es auch Imperative gibt, die der Mensch an Gott richten kann.

Wenn wir den Koran lesen, bemerken wir wie der Mensch in der Kommunikation mit Gott oft die grammatikalische Befehlsform verwendet. Erleichtere mir, leite mich, gib mir, beschütze uns usw. Dies bemerken wir vor allem in den Prophetengeschichten, wo sich die Propheten insbesondere in schwierigen Momenten an Gott wenden.

“Abraham sagt: „zeig mir … رب أرنى”
“Moses spricht: „Erleichtere mir meine Aufgabe …و یسر لى أمرى”
und Asya die Frau von Pharao bittet „Mein Herr baue mir ein Haus bei Dir … رب ابن لى عندك بیتا فى الجنة “

Und Muhammeda (Gottes Friede auf ihn) spricht: رب ادخلنى مدخل صدق – Oh Herr, gewähre mir einen guten Eingang…

In dieser schwierigen Situation, in dem sich unser Land und all seine Bewohner befinden, bitten wir dich um Geduld. Geduld um unsere Hoffnung nicht zu verlieren. Im Kur`an heisst es:

يَاأَيُّهَا الَّذِينَ ءَامَنُوا اسْتَعِينُوا بِالصَّبْرِ وَالصَّلَاةِ إِنَّ اللَّهَ مَعَ الصَّابِرِينَ

„O ihr, die ihr glaubt, sucht Hilfe in der Geduld und im Gebet; wahrlich Allah ist mit den Geduldigen.“
Als ob uns Gott daran erinnern würde, dass wir gerade in schwierigen Situationen Geduld beweisen müssen. Als ob Er uns sagen würde, dass wir gerade in diesen Momenten uns an Ihn auch in Form eines Imperativs wenden dürfen.

In dieser Stunde bitten wir Dich, uns alle mit Geduld und Ausdauer zu stärken, oh Gott. Wir bitten Dich all unsere Schwestern und Brüder – Ärzte, Pflege, Seelsorgende, Direktionen und alle anderen Dienste in den Spitälern und Kliniken, wie auch Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger unseres Landes – mit Geduld zu stärken. Wir bitten Dich all unsere Töchter und Söhne in der Armee, die in den letzten Tagen ausgerückt sind, mit Ausdauer zu bescheren. Wir bitten Dich, oh Gott, all unsere Väter und Mütter die in den Lebensmittelläden und Bäckereien täglich für uns da sind, sie alle zu beschützen und mit Geduld zu überschütten.

Wir bitten Dich oh Herr, alle die zum Wohle unserer Gesellschaft heute nicht zuhause bleiben können oder zuhause bleiben müssen, ihren Alltag mit Kraft zu beschmücken.

Lieber Gott,
Du lehrst uns im Kur`an: “Wahrlich, mit der Erschwernis kommt die Erleichterung.”

Das Schicksal des Menschen ist aber eigenartig. Gott befahl Moses den Stock den er in der Hand hielt und sich an diesem stützt, wegzuwerfen. Als er ihn wegwarf und der Stock sich in eine Schlange verwandelte, muss Moses in diesem Moment erkannt haben, dass Dinge an die sich der Mensch stützt, oft nicht so sind, wie wir sie sehen. Sie können sogar giftig und gefährlich für uns sein. Und dennoch befiehlt Gott Moses: “Nimm sie (die Schlange bzw. den Stock) und hab keine Angst”.

So nahm Moses die Schlange in die Hand und diese verwandelte sich in den Stock. Das was sichtbar und gefährlich war, wurde wieder heilvoll.

Oh Gott, uns hat diese Pandemie getroffen und wir bitten dich um Kraft, Stärke und Ausdauer in dieser Zeit. So wie die Schlange, die Moses in die Hand nahm, wieder heilvoll wurde, bitten wir dich diese Situation für unser Land und all seine Bewohnerinnen und Bewohner zu einem heilvollen Ausgang zu machen.

Imam Muris Begovic, Zürich 05.04.2020

 

Übertragung des ganzen Gebet der Religionen von Blick TV vom Sonntag, 5. April 2020 
Quelle: youtube.com 06.04.2020)