Rede des Präsidenten im Zürcher Stadthaus

Imam-Empfang-Stadtpäsidentin-MauchSehr geehrte Frau Stadtpräsidentin Corine Mauch,
Sehr geehrte Herren Stadträte (Raphael Golta, Gerold Lauber, Richard Wolff)
Sehr geehrte Damen und Herren

Die drei Stadtpatrone von Zürich, die Heiligen Regula, Felix und Exuperantius, stammen gemäss der Legende aus Ägypten und waren – immer der Legende zufolge – ein Teil der sogenannten Thebäischen Legion der römischen Armee. Anknüpfend an diese ägyptischen Zürcher Heiligen möchte ich heute mit einer Erzählung aus der Tradition der Koptisch-Orthodoxen Kirche Ägyptens beginnen.

Der ehemalige Koptisch-Orthodoxe Papst von Ägypten war einmal auf einer Auslandsreise. Dabei wurde er von einem Journalisten gefragt: Vermissen die Ägypter im Ausland nicht ihre Heimat, ihre Familien und soziale Netze? Fühlen sie sich nicht entwurzelt? Er antwortete: Ägypten ist nicht eine Heimat, in welcher wir leben, sondern eine Heimat, die in uns lebt.

Heute denke ich analog: Zürich ist nicht nur eine Stadt, in welcher wir leben, sondern auch eine Stadt, die in uns allen lebt, auch in uns Muslimen. In unserer mehrfachen, zusammengesetzten Identität sind wir froh, ein Teil dieser Stadt zu sein und fühlen uns mit ihr und ihren Bewohnern verbunden. Bedeutet das nicht in etwa “Integration”?

Imam_Empfang15 1In diesem Sinne haben wir Freude, hier an diesem Anlass zu sein, und wir schätzen die Gelegenheit, gemeinsam mit Ihnen zu feiern und darüber zu sprechen, was uns berührt und beschäftigt.

Für uns ist Ramadan die Zeit zu fasten, aber auch die Zeit zu reflektieren und sich zu besinnen. Dazu gehört, das Selbstbild mit dem Fremdbild zu vergleichen, Perspektiven zu wechseln, und nicht nur zu erwarten, dass die anderen Empathie für uns zeigen, sondern auch, dass wir Empathie für die anderen entwickeln. Eine Bilanz zu ziehen.

Wir stellen mit Staunen fest, dass wir, die Dachorganisation der Muslime im Kanton Zürich, dieses Jahr schon unser 20-Jahr-Jubiläum haben. Wir stellen uns die Frage: Was haben wir in 20 Jahren erreicht und was nicht? Ein Trost dabei ist, dass in der Geschäftswelt und in der Politik die Ergebnisse zählen, dagegen in der Religion die Absichten.

 

Die VIOZ wurde 1995 im Stadthaus Zürich geboren. Als Geburtshelfer wirkte Dr. Peter Wittwer, der ehemalige Imam_Empfang15 8Stadtbeauftragter für Ausländerfragen. Stadt und Kanton brauchten einen Ansprechpartner für Friedhoffragen. So haben sich die bestehenden, vorwiegend ethnischen Verbände der Muslime sich unter der Führung von Dr. Ismail Amin und Dr. Hassan Hatipoglu geeinigt, die VIOZ als Dachorganisation zu gründen und als Sprachrohr für alle Muslime in Kanton Zürich zu erklären. Dabei gab es drei Hauptziele:

  • Friedhöfe bzw. Grabfelder für Muslime zu ermöglichen.
  • Die Voraussetzungen für die öffentlich-rechtliche Anerkennung der Muslime zu schaffen.
  • Eine stadtwürdige Moschee in Zürich zu bauen, um Muslime aus den Hinterhöfen zu holen und muslimischen Stadtbesuchern einen sichtbaren Gebetsort anzubieten, auch in Hinblick auf die Tatsache, dass die Ahmadeyyah-Bewegung und ihre Moschee in Zürich von der Mehrheit der Muslime nicht anerkannt ist.

Bei der Friedhoffrage ist ein Durchbruch in Zürich-Witikon und Winterthur erzielt worden. So etwas wirkt natürlich als Motivation für die Muslime, sich – meist ehrenamtlich – vermehrt zu engagieren, für eigene Ziele, aber auch für die Ziele der Gesamtgesellschaft. Dabei haben uns die Stadtverwaltung und das Zürcher Forum der Religionen sowie die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz tatkräftig unterstützt.Imam_Empfang15 2

Der Zürcher Souverän hat 2003 das Gesetz über die Anerkennung von Religionsgemeinschaften abgelehnt und damit die Chancen für die öffentlich-rechtliche Anerkennung in die weite Ferne gerückt. Kürzlich haben die muslimischen Dachorganisationen in der Schweiz eine Studie an der Uni Luzern durchführen lassen, welche das Ziel hat, die Voraussetzungen und Möglichkeiten für eine Anerkennung zu evaluieren. Es wird zurzeit angestrebt, diese Voraussetzungen in Basel zu erfüllen, nachdem dort zwei Gemeinschaften der Alewiten anerkannt wurden.

Mit der Annahme der Anti-Minaretten-Initiative haben wir in unserem Selbstverständnis einen Rückschlag erlitten; das hatten wir in einer toleranten, pluralistischen, multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaft eigentlich nicht erwartet. Ein Trost für uns war, dass die Initiative in der Stadt Zürich abgelehnt wurde. Wozu Minarette, fragen sich auch Freunde manchmal. Wenn ich eine Metapher verwenden darf, verstärken die Minarette, ähnlich wie Kirchtürme, die göttlichen Signale oder Funken zu uns Muslimen, wie Fernmeldetürme die Signale für Mobiltelefone verstärken. Dass Minarette ein Machtsymbol darstellen sollen, haben wir hier in der Schweiz zum ersten Mal gehört; Imam_Empfang15 5wir haben dies eher als Zeichen der Ängste vor dem Islam und als Taktik der Politik wahrgenommen.

Um Ihnen mit der Dachorganisation der Muslime vertraut zu machen, erlaube ich mir, Ihnen einen kurzen Einblick in ihre Tätigkeit zu geben. Intern hat die VIOZ sich in Kommissionen organisiert.

1) Die Schulkommission (Leiterin Leila Oulouda) ist eine wichtige Anlaufstelle für Schulen und Eltern zugleich, sie hat etwa bei der Entwicklung des Lehrbuchs für das Fach Religion und Kultur mitgewirkt. Immer mehr Muslime gehen in das Gymnasium und an die Uni. An der Universität Zürich sind nach unseren Informationen momentan164 muslimische Studenten, 30 Doktoranden und 9 Post Docs.

2) Die Frauenkommission (Leiterin Sumaya Mohamed) ist bestrebt, mehr Engagement von muslimischen Frauen in der Gesellschaft zu erreichen, Probleme frühzeitig zu erkennen und solche Fragen mit den zuständigen Stellen zu lösen. Bei der Genderfrage gibt es oft unterschiedliche Meinungen.

3) Wir haben eine Jugendkommission (Leiter Mexhit Ademi). Bei dieser ist ein Umdenken in Gang. Man realisiert, dass mit sicherheitspolitischen Überlegungen allein die Jugend nicht erreicht und vor gefährlichen Abenteuern geschützt werden kann und dass ein sozial-pädagogischer religiöser Ansatz weit wichtiger ist, um die Jugend zu erreichen, zu unterstützen und wo nötig zu schützen.

4) Die Seelsorge- bzw. Imamkommission (Leiter Imam Sakib Halilovic) gibt Unterstützung in Asylheimen, Spitälern und Gefängnissen, wo leider viele Insassen Muslime sind. Asylantenströme aus Kriegsgebieten im destabilisierten Nahen Osten stellen uns vor wachsende Herausforderungen in diesem Bereich. Wir hoffen auch, dass die Schweiz die Bemühungen für einen Frieden im Nahen Osten, die sie mit der Genfer Initiative gestartet hat, fortsetzen wird. Der Kanton Zürich unterstützt uns finanziell und fachlich beim Aufbau einer Muslimischen Notfallseelsorge. Wir erhalten auch Unterstützung von Fachstellen von Bund und Kirchen. (Projektleiter: Muris Begovic).

5) Die Friedhofskommission (Leiter Issa Gerber): In unserem Anliegen, muslimische Gräberfelder auf Schweizer Friedhöfen einzurichten werden wir weiterhin, trotz einzelnen Rückschlägen, von verschiedenen Seiten unterstützt. Die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz hat mit uns eine Broschüre erarbeitet, die an alle Gemeinden in der Deutschschweiz verteilt wurde, und die erläutert, was das Besondere an den muslimischen Grabsitten ist und dass solche Friedhofsabteile relativ einfach zu verwirklichen sind.

Imam_Empfang15 76) Die Kommunikations- und Medienkommission (Leiter Muhammad Hanel) sorgt für den Kontakt zu den Medien und versucht auch die interne Kommunikation unter den muslimischen Gesellschaften zu organisieren. Wir haben eine Grundsatzerklärung verfasst, welche unsere Einstellung zu den am häufigsten debattierten Themen in der Öffentlichkeit widerspiegelt. Unsere Grundsatzerklärung ist auf unsere Homepage veröffentlicht.

7) Die Moschee Kommission (Leiter VIOZ Sekretär Naci Eren). Jährlich besuchen ca. 1000 Schüler und Schülerinnen unsere Moscheen. Wir wollen es ihnen ermöglichen, den Islam und die Muslime besser zu verstehen. Der Bau eine Zentralmoschee bleibt weiterhin eine Vision, welche wir verwirklichen wollen. Wir dürfen uns erhoffen, gemeinsam mit der Stadt diesem Ziel näher zu kommen, wenn das sozial-politische Umfeld sich etwas beruhigt hat und Islamophobie und Antitheismus abgebaut werden. Neben Atheismus gibt es eben leider auch Antitheismus. We have a dream.

8) Die Militär-und Sicherheitskommission (Leiter VIOZ Kassier Markus Klinkner) Auch das gibt es. Diese Kommission organisiert die Zusammenarbeit mit dem Bund, weil ja immer mehr Muslime den Militärdienst in der Schweiz leisten. Derzeit ist fast jedes 10. Militärdienstleistende ein Muslim. So wird etwa die Seelsorge für muslimische Armeeangehörige aufgebaut, dies mit Unterstützung des Zürcher Forums der Religionen. Da aufgrund globaler negativer Entwicklungen auch die Sicherheit in den Moscheen und in der Gesellschaft uns ein grosses Anliegen geworden ist, werden Sicherheitsfragen immer wichtiger.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Mitgliedsorganisationen auf 30 gestiegen. Die VIOZ gewinnt somit an Legitimation, die Interessen der Muslime in Stadt und Kanton Zürich zu vertreten und für die Behörden der zuverlässige Ansprechpartner zu sein.

Die VIOZ ist in allen wichtigen Gremien vertreten, in welchen es um das Dialog und Zusammenleben geht, wie beim Interreligiösen Runden Tisch, dem Zürcher Forum der Religionen, der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Schweiz, der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz, im Zürcher Lehrhaus, und weiteren.

Wir hoffen in den kommenden Jahren unseren Zielen weiterhin näher zu kommen, und wir schätzen die Unterstützung, die wir von der Stadt Zürich erhielten und erhalten und bedanken uns dafür.

In seinem “West-Östlichen Divan” betont Goethe:

„Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“

Möge der innere Friede, der während des Monats Ramadan bei uns Muslimen herrscht, Frieden und Ruhe der islamischen Welt während des ganzen Jahres bescheren: Er möge die Muslime dazu inspirieren, politische Konflikte durch Dialog und Verhandlung statt mit Gewalt zu lösen und damit einen wesentlichen Beitrag zum Frieden in der Welt zu leisten.

Ich danke Ihnen.