«Eine muslimische Perspektive: Konzernverantwortung und Kriegsgeschäfte»

Die Anliegen der Konzernverantwortungs- und der Kriegsgeschäfteinitiative

Die Schweiz stimmt ab am 29. November 2020. Auf Bundesebene betrifft dies die beiden Volksinitiativen «Für verantwortungsvolle Unternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt» und «Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten», bzw. die «Konzernverantwortungsinitiative» und die «Kriegsgeschäfteinitiative».

In den Leitsätzen zum Verhältnis von Staat und Religion im Kanton Zürich (herausgegeben von der Direktion der Justiz und Innern des Kantons Zürich) heisst es, dass «religiöse Überzeugungen eine wichtige Grundlage des gesellschaftlichen Lebens» bilden. Religionsgemeinschaften «wirken an den Wertegrundlagen mit, die die Gesellschaft prägen», wozu auch die Solidarität und das Interesse am Gemeinwohl gehören. Gleichzeitig bildet die demokratisch-liberale Rechtsordnung den verbindlichen Rahmen für das Zusammenleben und den gesellschaftlichen Frieden.

Da es sich bei beiden Vorlagen zur Konzernverantwortung und zu Kriegsgeschäften um wirschafts- und sozialethische Fragestellungen handelt, ist es sicher lohnenswert die beiden Initiativen aus einer muslimischen Perspektiven zu beleuchten, auch unter dem Aspekt der Rolle von Religionsgemeinschaften oder von Religion allgemein in einer säkularen Gesellschaft. Nicht zuletzt wurden im Kontext der Konzernverantwortungsinitiative die Haltungen religiöser Gemeinschaften breit und teilweise auch kontrovers diskutiert in der medialen Öffentlichkeit.

Die islamische Tradition ist voller positiver ethischer Impulse, die entsprechend kontextualisiert, einen wichtigen Beitrag zu den, in den Leitsätzen erwähnten gemeinsamen gesellschaftlichen Wertegrundlagen darstellen können. In Zeiten von Klimaerwärmung, Wirtschaftskrisen, globalen Fluchtbewegungen und dem Aufgehen der Armutsschere ist es an den «materiell Bessergestellten» der Welt sich zu fragen, wie sie Verantwortung übernehmen und einen Beitrag leisten können.

Es gibt eine Fülle von Texten aus der islamischen Tradition, die relevant sein können, wenn man sich als Muslim oder Muslimin mit der Konzernverantwortungs- und der Kriegsgeschäfteinitiative beschäftigt. Dazu gehört auch das zentrale koranische Konzept des Menschen als Statthalter auf Erden, welches in der zweiten Sura (al-Baqara) vorkommt:

Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich werde auf der Erde einen Statthalter einsetzen! Sie sagten: Willst du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergiesst, wo wir dir lobsingen und deine Heiligkeit preisen? Er sagte: Ich weiss was ihr nicht wisst.
Qur’an 2:30

Gottes Rolle für die Menschen auf Erden kann also als die eines verantwortungsbewussten Statthalters verstanden werden, der eben kein Unheil auf ihr stiftet und Blut vergiesst, wie es die Engel in diesem Vers mutmassen. Die Übernahme von Verantwortung und das Verhindern von Blutvergiessen sind auch Kernanliegen der Konzernverantwortungs- und Kriegsgeschäfteinitiative.

Die VIOZ erteilt keine Abstimmungsempfehlungen. Es liegt schlussendlich an jedem und jeder als Individuum zu entscheiden, ob und wie er oder sie abstimmen möchte. Als gläubigen Menschen, Muslim/innen, Schweizer/innen, Zürcher/innen ist es jedoch an uns, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir die Statthalterschaft der Menschen auf der Erde verstehen und ausgestalten möchten.