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Zeit Online vom 2. Januar 2017: «Was gehen uns die Schüsse auf die anderen an?»

„[…] Die Meldung rast am 19. Dezember um den Globus: Schießerei in einer Zürcher Moschee. Drei Verletzte. Polizei vor Ort. Täter auf der Flucht. DasZurich shooting ist die Top-News auf allen Kanälen. Selbst der zukünftige US-Präsident Donald Trump twittert direkt aus New York: „Heute gab es Anschläge in der Türkei, in der Schweiz und in Deutschland, und es wird immer schlimmer. Die zivilisierte Welt muss ihr Denken ändern!“

Nur in der Schweiz, in Zürich, bleibt es an diesem Montag kurz vor Weihnachten erstaunlich ruhig.

Dabei hatte das Land, hatte die Stadt gerade einen der schwersten Angriffe auf ein Gotteshaus überhaupt erlebt.

[…] Hinter dem vielsagenden Schweigen, hinter der fehlenden öffentlichen Anteilnahme steckt aber mehr: Es ist die weitverbreitete Haltung, dass uns, die Mehrheitsgesellschaft, die Schüsse nichts angehen, die auf die anderen abgefeuert werden.

Diese Gleichgültigkeit spüren nicht nur die Muslime in der Schweiz. Anfang November veröffentlichte der Bund seinen Antisemitismus-Bericht. Er reagiert darin auch auf die Forderung der jüdischen Gemeinden, der Staat möge sich am Schutz der Synagogen und Gemeindehäuser finanziell beteiligen. Der Bund schreibt, die Sicherheit der jüdischen Institutionen sei zwar eine „Angelegenheit von nationaler Tragweite“. Aber erstens seien dafür die Kantone zuständig, es fehle ein entsprechendes Bundesgesetz, und zweitens sollten die jüdischen Gemeinden dafür bitte selbst bezahlen; implizit bedient er damit das antisemitische Klischee vom reichen Juden.

[…] Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) reagiert empört. Juden würden überall auf der Welt von Terroristen angegriffen, weil sie Juden seien. „Und nun sollen wir weiterhin selber für unsere Sicherheit aufkommen. Das ist Aufgabe des Staates.“

Tatsächlich schützen die Grundrechte in der Schweiz nicht nur den Einzelnen vor Eingriffen des Staates, sie können den Staat auch zum Handeln verpflichten.

[..] Damit diese Überzeugung frei gelebt werden kann, reicht ein Schutz vor staatlichen Eingriffen allerdings nicht immer. Der Staat selbst hat auch eine Schutzpflicht.

[…] Als sich am Abend des 19. Dezember die Ereignisse überstürzen, bewegt das auch die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch. Auf ihrer Facebook-Seite schreibt die Sozialdemokratin am Tag danach: „Wir denken an euch.“ Euch, das sind aber nicht die zwei Somalier und der eine Schweizer, die alle drei schwer verletzt in einem Spital in Zürich liegen. Es ist auch nicht der Täter, ein Schweizer mit einem Hang zum Okkulten, der sich ein paar Hundert Meter vom Tatort entfernt das Leben nahm.
Nein, die Stadtmutter richtet sich an die „lieben Berlinerinnen und Berliner“.
Später erklärt ihr Sprecher, Mauch habe auch einen Brief an den Präsidenten der Vereinigung der Islamischen Organisationen verfasst. In der kleinen Moschee selbst kannte die Stadtverwaltung niemanden.
So legt kein Behördenvertreter ein Blumenbouquet nieder oder zündet eine Kerze an. Niemand drückt offiziell, also öffentlich, seine Solidarität mit der somalischen Gemeinde aus. Nicht einmal im Talk Täglich, der wichtigsten Sendung des lokalen Fernsehsenders, ist die Schießerei, sind die drei verletzten Muslime ein Thema. […]“

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Quelle: zeit.de, 02.01.2017
Bildquelle: Screenshot Zeit Online vom 02.01.2017