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Rund 350 Muslime versammelten sich im Dzemat der Islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren zum gemeinsamen Bajram-Gebet

Noch vor Sonnenaufgang begeben sich zahlreiche Muslime an die Grabenstrasse neben dem Bahnhof Schlieren. Die Männer begrüssen sich vor dem Eingang des Dzemat, und warten bis es Zeit ist für das Bajrams-Gebet, das pünktlich um halb Sechs beginnt. Für diesen wichtigen Festtag haben die Männer ihre beste Kleidung angezogen – so wie es ihre Tradition verlangt. «Frauen nehmen bei uns Bosniaken üblicherweise nicht Teil am Bajram-Gebet», sagt Sakib Halilovic, Imam der Islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren. Jedoch seien Frauen durchaus willkommen daran teilzunehmen. Dazu habe der Dzemat sogar extra Gebetsräume eingerichtet: «Die meisten Frauen bleiben jedoch lieber zuhause und managen diesen wichtigen Tag», so der Imam.

Die Männer vor dem Eingang tragen Anzüge oder ein frisch gebügeltes Hemd. Die Stimmung ist besinnlich, die Gespräche sind leise aber dennoch wirken alle wach und scheinen voller freudiger Erwartungen zu sein. Nach dem Gebet beginnt das Bajram-Fest, das der Beginn des «Schawwal» ist, ein neuer Monat im Islamischen Kalender. Gleichzeitig bedeutet dieser Festtag aber auch das Ende des Fastenmonats Ramadan, der zu den fünf Säulen des Islams gehört und somit für jeden gläubigen Moslem eine Pflicht darstellt.

Der 49-Jährige Halilovic blickt mit gemischten Gefühlen auf diesen für die Muslime heiligen Monat zurück, in dem von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder Essen noch Trinken erlaubt war: «Einerseits war der Fastenmonat ein freudiges Ereignis», sagt Halilovic. Die Muslime seinen froh und dankbar für die Möglichkeit, mit diesem Monat eine spirituelle Erfahrung durchzumachen. «Andererseits war es auch ein Monat voller trauriger Ereignisse», sagt der Imam nachdenklich.

Für die Bosniaken, die den Dzemat zu Beginn des Bosnienkriegs im Jahr 1992 in Schlieren gründeten, ist jeder 11. Juli unvergesslich: «Wir erinnern uns dann immer an das Massaker in Srebrenica, dass 1995 den Tod von rund 8000 Menschen an einem Tag forderte», so Halilovic. Auch hätten im letzten Monat wieder zahlreiche Massenbegräbnisse stattgefunden, von kürzlich gefundenen Opfern aus dem Balkankrieg. Hinzu würden auch die Kriege in Gaza und Syrien kommen, die ebenfalls nicht spurlos an den Bosniaken vorbeiziehen: «Als Imam spürte ich diesen Monat sehr viel Trauer in der Gemeinschaft, was nicht üblich ist für den Ramadan», so Halilovic.

Freudige Gratulationen

Nach dem Gebet, das rund eine halbe Stunde dauerte, stehen die Männer vom warmen Teppichboden des Gebetsraums im Dzemat auf und schütteln sich die Hände: «Bajram Serif Mubarek Olsun», ist von allen Seiten zu hören. Übersetzt bedeute dieser türkisch-arabische Satz «Ich wünsche Ihnen einen glücklichen und gesegneten Feiertag» erklärt der Imam. Während drei Tagen wird nun diese Beglückwünschung bei den Muslimen zu hören sein, da der Bajram bis Mittwoch-Abend dauert.

Dabei sei die Bajram-Gratulation keines Wegs bei allen Muslimen gleich: «Manche schütteln sich bloss die Hände, andere umarmen sich oder geben einen Handkuss», sagt Halilovic, während sich im Hintergrund hunderte Männer freudig in die Arme fallen. «Grundsätzlich geht es aber bei allen Muslimen darum, miteinander die Liebe und Freude zu Gott zu teilen», so der 49-Jährige und erklärt noch die ursprüngliche Bedeutung von Bajram: «Die Übersetzung lautet «gehe zurück zum Anfang.» Die Muslime seien davon überzeugt, wenn sie den Monat Ramadan gefastet haben, dass Allah ihnen alle Sünden verziehen habe: «Es ist also ein sündenloser Neuanfang», sagt Halilovic.

«Das Festmahl ist nicht das Wichtigste»

Es sei natürlich auch die Freude mit der Familie ein besinnliches Fest zu erleben, ein ausgiebiges Festmahl sowie Baklava (traditionelles Blätterteiggebäck) und türkischen Mokka zu geniessen. Im Deutschen kenne man deswegen auch die Bezeichnung «Zuckerfest» – darüber ist der Imam jedoch nicht sehr erfreut, denn bei diesem Festtag gehe es schliesslich nicht um Materielles und gutes Essen sondern vielmehr um eine spirituelle Bereicherung. Dazu zitiert Halilovic ein arabisches Sprichwort: «Bajram ist nicht für den, der seinen neuen Anzug anzieht, sondern Bajram ist für diejenigen, deren Glaube an Gott gewachsen ist.»

Zu den Anzügen hat der Imam dann noch eine weitere Anekdote, während er den Männern im Gebetsraum die Hand schüttelt. «Es sind zwar auf den ersten Blick keine Frauen hier in der Moschee, aber eigentlich sehen wir sie doch überall», so der Imam und ergänzt: «Ohne Frauen wäre das alles hier nichts. Sie managen den Bajram, bereiten unsere Anzüge vor und kümmern sich um das Festmahl», sagt Halilovic bevor auch er zu seiner Frau und seinen Kindern nachhause geht um seinen freudigen «Neuanfang» zu starten.