NZZ vom 6. April 2018: «Wenn Muslime Juden Fragen stellen»

“Flucht, Fremdsein, das Leben als religiöse Minderheit: Muslime und Juden in der Schweiz hätten viel Stoff für ausgiebige Gespräche. Das Dialogprojekt «Respect» gibt ihnen in Zürich Gelegenheit dazu.

Ist das Judentum eine Religion oder ein Volk? Fühlen sich die Männer am Tisch mit den Kippas auf dem Kopf eher als jüdische Zürcher oder als Zürcher Juden? Und wann dürfen wir eigentlich essen? Solche Fragen sind an einem Seder nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Beim gemeinsamen rituellen Essen an den ersten zwei Abenden des achttägigen Pessachfests gedenken Juden auf der ganzen Welt dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Vor über 3000 Jahren soll damit deren Sklavendasein unter dem Pharao geendet haben.
Insbesondere jüdische Kinder sollen während des Festmahls im Familienkreis Fragen zu ihrer Religion und Kultur stellen. An diesem Abend in einer Zürcher Synagoge sind es jedoch für einmal erwachsene Muslime und einige Christen sowie Religionslose, die mehr über das Judentum und ihre jüdischen Mitmenschen wissen möchten. «Respect-Seder» heisst der Anlass, der in erster Linie Juden und Muslime einander näherbringen will und bereits zum sechsten Mal in der Schweiz stattfindet. […]

Geflüchtet sind auch die meisten der anwesenden Musliminnen und Muslime – aus Afghanistan, Eritrea und Syrien etwa. «Ich fühle mich sehr wohl in der Schweiz», sagt einer von ihnen, «aber nicht zu Hause.» Ein Gefühl, das auch die ältere jüdische Dame am Nebentisch kennt, seit sie als Kind aus Polen emigriert ist. Fremd fühle sie sich eigentlich überall, sagt sie zu ihren Tischnachbarn. Genau umgekehrt sieht es eine junge Jüdin: «Ich fühle mich überall heimisch.» […] Ganz und gar als Schweizerin fühlt sich Belkis Osman, deren Eltern aus der Türkei eingewandert sind. Die muslimische Seelsorgerin und Vizepräsidentin der Vereinigung islamischer Organisationen Zürich [VIOZ] liest am Sederabend einige Suren aus dem Koran vor, welche den von Moses – hier Musa – angeführten Auszug aus Ägypten oder seine vorgängige Konfrontation mit dem ägyptischen Pharao behandeln. «Das war ein Schlüsselmoment für mich», wird der ältere Jude Sämy später sagen. Er habe zwar gewusst, dass der Koran auch Ereignisse der jüdischen und christlichen Geschichte wertschätzend wiedergebe, aber dass die Geschehnisse derart ähnlich beschrieben würden, sei für ihn eine Überraschung gewesen.
Die Gemeinsamkeiten von Islam und Judentum zu betonen, ist ein Ziel von «Respct», einem Projekt des National Coalition Building Institute (NCBI), das von weiteren privaten Organisationen und staatlichen Fachstellen unterstützt wird. NCBI Schweiz engagiert sich gegen Diskriminierung und Gewalt und für Integration, indem es etwa Peacemaker auf Pausenhöfen einsetzt oder junge Flüchtlinge zu sogenannten Brückenbauern ausbildet, die in Asylzentren Aufklärungsarbeit zur Schweiz leisten. […]”

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Quelle: nzz.ch, 06.04.2018
Bildquelle: Screenshot von nzz.ch vom 06.04.2018