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Imam-Empfang bei der Stadtpräsidentin

Am 28. Juni 17 hat der traditionelle Imam-Empfang bei der Zürcher Stadtpräsidentin stattgefunden. Dass dieser besondere Anlass dieses Jahr im Muraltengut statt fand, wurde von allen geladenen Gäste als ein zusätzliches Zeichen der Anerkennung wahrgenommen.
Nebst der Stadtpräsidentin Frau Corine Mauch, haben auch vier Stadträte, wie auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung verschiedener Zuständigkeitsbereiche teilgenommen.

Ein zentrales Thema, das von allen Seiten erwähnt und mit grossem Bedauern zum Ausdruck gebracht wurde, war das Attentat auf die betenden Menschen in der Somalischen Moschee in Zürich, das Ende letzten Jahres geschah.

Unsere Stadtpräsidentin hat in ihrer Rede klar darauf hingewiesen, dass man in der Stadt Zürich keine Kultur des Misstrauens haben möchte, sondern eine des Respekts und der Wertschätzung, wofür sich viele Menschen und Organisationen einsetzen. Ihre Ansprache beendete Frau Mauch mit diesen Worten:

… ich möchte Ihnen allen danken, dass Sie heute gekommen sind und auf unsere Einladung reagiert haben. Denn dieser Empfang anlässlich des Fastenmonats Ramaden ist vielleicht nur eine kleine Geste, aber eine, die wir ernst meinen und die uns wichtig ist. Deshalb würde es mich sehr freuen, wenn Sie unsere Botschaft an Ihre Familien, an die Mitglieder Ihrer Moscheen und an alle Zürcher Musliminnen und Muslime weiterleiten würden: Sie sind hier willkommen.
(Stadtpräsidentin Corine Mauch 28. Juni 2017)

Im Namen der VIOZ hat deren Sekretär Herr Mexhit Ademi alle Anwesenden mit einer Ansprache begrüsst. In dieser schilderte er die Situation wie Muslime in der Gesellschaft, in den Medien aber auch in der muslimischen Gemeinschaft selbst wahrgenommen werden. Trotz der negativen Ereignisse und oft negativer Berichterstattung, sollen die positiven Erfahrungen und Bemühungen nicht in den Schatten gestellt werden.  Unter anderem sagte er:

Die VIOZ erbringt auch in dieser Hinsicht wichtige Leistungen für die Gemeinschaften und die Gesamtgesellschaft. Sie verbreitet in einer Zeit negativer Schlagzeilen, durch ihre eigene Medienpräsenz ein positives Bild der Muslime in Zürich, bekräftigt den Wunsch der Muslime nach einem friedlichen Zusammenleben und positioniert sich als konstruktiver Partner für die Behörden und alle anderen gesellschaftlichen Akteure. Die VIOZ arbeitetet weiterhin an ihren Kernthemen wie muslimische Friedhöfe, den Bau einer Zentralmoschee, sowie die staatliche Anerkennung des Islams. Sie unterstützt mit ihren sehr limitierten personellen und finanziellen Möglichkeiten weiterhin die muslimischen Jugendorganisationen und hilft vielen Mitgliedsorganisationen, sich besser in die Gesellschaft zu integrieren. Die VIOZ betreibt auch die muslimische Notfallseelsorge weiter und erbringt somit wichtigste Leistungen für Menschen in schwierigen Situationen. Die VIOZ ist in ihrem 22. Jahr seit der Gründung etabliert, hat stabile Strukturen und ist als Vertreterin der Muslime akzeptiert.
(VIOZ Vorstandsmitglied und Sekretär Mexhit Ademi)

Im Namen der Imame sprach Imam Sakib Halilovic das Grusswort, welches im Nachfolgenden zu lesen ist.

Sehr geehrte Frau Mauch

Sehr geehrte Anwesende, Damen und Herren

Vor elf Jahren, bei unserem ersten Treffen dieser Art hatte ich die Ehre, im Namen der Zürcher Imame zu sprechen. Es sind also elf Jahre vergangen und vieles hat sich zwischenzeitlich ereignet und verändert. Dies ist völlig natürlich, weil sich mit der Zeit Menschen, Umstände und viele andere Dinge ändern.

Viele sind nicht mehr unter uns, während viele neu dazu gestossen sind.

Der heutige Auftritt ist also eine Art des Rückblicks, welcher sehr wichtig ist, damit der Ausblick in die Zukunft klarer wird. Zwei Worte waren vor elf Jahren treffend: Angst und Hoffnung.

Leider haben wir immer noch viele Gründe zur Angst:

Der öffentliche Diskurs über den Islam und die Muslime ist sehr negativ. Von Zeit zu Zeit nimmt er auch die Form der Islamophobie an, oder ist an ihrer Grenze. Als Resultat sehen wir ein permanentes Politisieren in Richtung der Einschränkung grundsätzlicher Menschenrechte der Muslime. Das Minarett Verbot ist das eklatanteste Beispiel. Ebenso Einschränkungen bei der muslimischen Praxis der Ernährung, der Bestattungen, des Kopftuchs usw. Besonders besorgniserregend ist die Diskrimination im Einstellungsprozess bei bestimmten Lehren und Arbeitsplätzen aufgrund des Glaubens und des physischen Aussehens.

Auf der anderen Seite nehmen die Terrorakte im Namen unseres Glaubens kein Ende. Im Gegenteil haben viele von ihnen die schlimmste Form von Barbarei und Monstrosität angenommen. Das Resultat davon ist ein immer grösserer Hass gegenüber Muslime, der durch gezielte Terrorakte auf Muslime, ihren Besitz und ihre Gebetshäuser konkretisiert wird. Auch sind da die monströsen Hasstiraden in den sozialen Medien und die verbalen und physischen Attacken, vor allem auf Musliminnen. Hier ist der Mut der Angreifer interessant, die in der Regel Männer sind, welche sich meistens auf die Zivilisation und die christliche Identität berufen, während ihre Opfer Frauen, bzw. Musliminnen sind.

Sehr geehrte Anwesende

Ebenso haben wir auch viele Gründe zur Hoffnung. Sowohl auf der religiösen, bzw. geistigen, als auch auf der gesellschaftlichen Ebene.

Auf der religiösen Ebene ist der Fastenmonat Ramadan vor allem ein Monat der Geistigkeit. Auf der geistigen, bzw. spirituellen Ebene, sind die Angst und die Hoffnung unsere «aufrichtigen» Begleiter. Die Angst vor unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten. Die Angst vor den Fehlern, welche wir tagtäglich begehen.

Und die Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit, welche grösser ist, als Sein Zorn, wie es in einer Überlieferung des Propheten Muhammad heisst: «Als Gott alle Wesen erschuf, stand über Seinem Thron geschrieben: “Wahrlich, Meine Barmherzigkeit hat Meinen Zorn überholt.» (Bukhari und Muslim)

قُلۡ يَـٰعِبَادِىَ ٱلَّذِينَ أَسۡرَفُواْ عَلَىٰٓ أَنفُسِهِمۡ لَا تَقۡنَطُواْ مِن رَّحۡمَةِ ٱللَّهِ‌ۚ إِنَّ ٱللَّهَ يَغۡفِرُ ٱلذُّنُوبَ جَمِيعًا‌ۚ إِنَّهُ ۥ هُوَ ٱلۡغَفُورُ ٱلرَّحِيمُ

“Sag: O Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid, verliert nicht die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit. Gewiss, Allah vergibt die Sünden alle. Er ist ja der Allvergebende und Barmherzige.” (Zummar:53)

Der Ramadan ist der Monat der Geduld in jedem Sinn dieses Wortes. Der Islam lehrt uns, dass die Geduld die Hälfte des Glaubens ausmacht, während das Fasten die Hälfte der Geduld ist. Wobei es aber ein bosnisches Bittgebet für Geduld gibt, welches lautet: «Oh Gott, bitte gib mir Geduld, aber sofort!» (Ansonsten gibt es Probleme)

Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen oft in der Situation sind, dass sie Geduld brauchen, aber sofort in diesem Moment.

Unsere gemeinsamen Vorväter Hiob (Ejub), Josef (Jusuf), Jakob (Jakub), Abraham (Ibrahim) und Ismael (Ismail) waren geduldig. Geduldig ertrugen sie schwere Schicksalsschläge und geduldig, d.h. beharrlich arbeiteten sie für das Gute und blieben auf dem Weg des Guten. Sie sind unsere Vorbilder. Der liebe Gott gab uns ihre Geschichte, sowohl in der Bibel, als auch im Koran, als eine ständige Inspiration und Motivation auf dem Weg des Guten. Einem Weg, der niemals und nirgendwo mit Milch und Honig gepflastert war, sondern mit schweren und gefährlichen Hindernissen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene wurden einige erfolgreiche Projekte realisiert. Das Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Uni Fribourg wurde gegründet. Eine Bildungsinstitution, welche den jungen Muslimen helfen soll, sich auf einem akademischen Niveau mit ihrem Glauben auseinander zu setzen und sowohl eine Selbstreflexion, als auch eine Reflexion im Allgemeinen zu entwickeln.

Zürich steht an erster Stelle mit seinem positiven Verhältnis gegenüber Minderheiten, also auch den Muslimen. Das soll auch so sein, denn dies ist die Eigenschaft einer urbanen und hochzivilisierten Gesellschaft. Zürich half seinen Muslimen eine gemeinsame muslimische Organisation zu gründen, welche ein Partner sein wird, auf dem Weg der Abdeckung spezifischer muslimischer Bedürfnisse.

Die VIOZ ist die erste Organisation dieser Art, welche vor 22 Jahren gegründet wurde und in Zusammenarbeit mit den relevanten lokalen Institutionen als auch auf Bundesebene einige wichtige Erfolge erzielen konnte:

  • In Zusammenarbeit mit der Kantonalen Bildungsdirektion wurden die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler definiert bezüglich Ernährung, Schwimmunterricht, Ausflüge, Lager, Festtage usw.
  • In den Städten Zürich und Winterthur wurden innerhalb der städtischen Friedhöfe Parzellen für muslimische Grabfelder eingerichtet.
  • Das Projekt der Muslimischen Notfallseelsorge wurde vor drei Jahre gestartet, welches sich als äusserst wichtig erwies. Seine Palette der Aktivitäten sollte auch auf die anderen staatlichen Institutionen ausgeweitet werden.
  • Am 1. Juli 2016 startete im Testbetrieb Zürich ein Pilotprojekt für eine muslimische Seelsorge in den Bundesasylzentren. Es wurde vom Staatssekretariat für Migration (SEM) erarbeitet. Für die Umsetzung des Pilotprojektes wurde VIOZ bestimmt.
  • In allen Zürcher Gefängnissen haben wir Imame-Seelsorger, welche mit ihrer Anwesenheit versuchen, das Gefängnisleben ihrer Mitgläubigen zu erleichtern und ihnen zu helfen, nicht bis zum äussersten Ende zu sinken und nicht in das Spinnennetz des Radikalismus und Terrorismus zu geraten. Zwei Übel, welche wie die Pest die erhabenen moralischen und zivilisatorischen Schönheiten des Islam vernichten. Die Imame-Seelsorger sind auch für die anderen Insassen da und für die Gefängnisleitungen und -angestellten.

Die staatlichen Institutionen zeigen in ihrem positiven Verhältnis gegenüber den Muslimen ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit und ihre Geduld. Die muslimischen Gemeinschaften sind leider nicht, oder noch nicht in der Lage dazu, einen ernstzunehmenden innermuslimischen Dialog zu vielen relevanten gesellschaftlichen Themen und Herausforderungen zu führen. Sehr oft sind sie auf «Niemandsland» festgenagelt, oder gefangen. Biologisch sind sie hier, aber mental und emotional irgendwo weit weg, im Herkunftsland, oder dem Land ihrer Vorfahren.

Anders gesagt sind sie nicht hier und dort gibt es sie nicht, was in einem Mangel an gemeinsamen öffentlichen und sichtbaren Aktionen resultiert. Mit ihrem derart passiven und verschlossenen Verhältnis gegenüber der Gesamtgesellschaft wird ein Bild der muslimischen Gemeinschaften als Oasen von Parallelgesellschaften generiert.

Natürlich denke ich nicht, dass unsere Gemeinschaften Orte von Desintegration oder Parallelismus sind. Aber ich möchte eine klare und deutliche Selbstkritik äussern. Es stimmt nicht, dass wir nicht mehr und besser können. Unsere Ressourcen sind sowohl in menschlicher, als auch materieller Hinsicht eingeschränkt. Aber es stimmt nicht, dass wir gar nichts bewegen können, dass gemeinsam, produktiv und sowohl für uns, als auch für unsere Gesellschaft als Ganzes sichtbar ist. Wenn wir nicht alles tun können, heisst das nicht, dass wir gar nichts tun sollen.

Unbegreiflich ist die Tatsache, ja wenn man so möchte, absurd, dass wir sehr viel in die humanitäre Arbeit und die Hilfe für unsere Herkunftsländer investieren. Für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder aber, im hier und jetzt, nichts. Natürlich tun wir das teilweise. Aber wir sprechen hier von Zürcher, oder Schweizer Muslimen und nicht von ethnischen Gemeinschaften, welche selbst wiederum auf viele kleinere Gruppierungen aufgeteilt sind.

Hier auch ein symbolisches Beispiel, welches gleichzeitig auch sehr eindrücklich ist. In Zürich, Winterthur, Dietikon und Uster geht die Sonne für alle Menschen zu einer genau festgelegten Zeit unter, ausser für die Muslime.

Oder ein noch grösserer Absurd: im gleichen Haus leben muslimische Familien aus 3-4 verschiedenen Ländern und jede von ihnen hat ihren eigenen Sonnenuntergang. Jeder bricht sein Fasten nach dem eigenen Sonnenuntergang. Mit der Morgendämmerung, bzw. dem Sonnenaufgang ist es gleich.

Nun, in der Hoffnung, dass sowohl die Stadt Zürich, als auch unser Kanton, bzw. alle gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen weiterhin beharrlich und geduldig mit den Muslimen auf dem Weg des Allgemeinwohls zusammenarbeiten werden und dass die muslimischen Gemeinschaften die Zeit, den Ort und ihre Bedürfnisse verstehen werden, gratuliere ich Ihnen diesen festlichen Tag/Festtag – Ramadan Bayram!
(Imam Sakib Halilovic, VIOZ Vorstandsmitglied)

Die ganze Begrüssungsrede von Frau Stadtpräsidentin Corine Mauch finden Sie hier.
Weitere Bilder finden auf dem Social Media Post der Stadtpräsidentin.