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Bio Forum Schweiz vom 17. Oktober 2017: «Kultur und Politik 3/2017 – Boden und Land im Islam»

Die aktuelle Ausgabe des Magazins «Kultur und Politik» widmet einen Beitrag dem Thema ‘Boden und Land im Islam’ und beruht u.a. auf Quellenhinweisen von Muris Begović, Geschäftsstellenleiter der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ).

“In den christlich und säkular geprägten Ländern Europas ist das Wissen um religiöse Grundlagen islamisch geprägter Kulturen wenig verbreitet – auch zum Umgang mit dem Boden! Doch Aussagen zu Natur und Boden, die kulturell prägend sind oder es sein könnten, sind wie in der biblischen Tradition auch im Koran und in diesem nahestehenden Überlieferungen zu finden. […]

An vielen Stellen der heiligen Schrift der Muslime geht es um den Menschen aus Boden: «Und wahrlich, Wir schufen den Menschen aus einem entnommenen Lehm» (Sure 23.12). Des Menschen Blut, Fleisch und Knochen habe Allah so geschaffen (23.14). Dies solle auch symbolisch verstanden werden: «Es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch aus Erde erschaffen hat, hierauf wart ihr auf einmal menschliche Wesen, die sich ausbreiten» (30.20). «Er hat euch aus Erde entstehen lassen und sie euch zu bebauen und zu bestellen gegeben» (11.61), heisst es fast gleichlautend wie im Alten Testament. […] Weiter ist im Koran von einer Verlebendigung der Erde durch Gott die Rede:

«Wir beleben sie und bringen aus ihr Korn hervor, von dem sie essen» (36.33). «Esset und trinkt von dem, was Allah euch gegeben hat, und richtet auf Erden kein Unheil an» (2.60).

Denn, heisst es warnend, wenn der Mensch «sich abwendet, bemüht er sich, überall auf Erden Unheil zu stiften, und vernichtet das Ackerland und die Nachkommenschaft. Und Gott liebt das Unheil nicht» (2.205). Aber Gott habe den Menschen «zu seinem Vertreter auf der Erde gemacht» (35.39), «zu Statthaltern» (6.65).

Wie in der christlichen Tradition ‹apokryphe› Jesusworte und Geschichten aus seinem Leben überliefert werden, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, gibt es im Islam die Hadith genannten ausserkoranischen Überlieferungen. So habe Mohammed gesagt:

«Der erhabene Gott erschafft die Erde als Moschee für mich und mein Volk, deren Boden reinigend ist. Bewahret die Würde der Erde, die eurer Mutter gleicht.»

Hier sehen wir die auch im Christentum gelegentlich auftretende Vorstellung von der Erde als «Tempel Gottes», wie auch die dort mit Maria verbundene von «Mutter Erde». Im Sinne dieser Schöpfungstheologie sagte Mohammeds Schwiegersohn Imam Ali: «Fürchtet Gott, achtet die Rechte seiner Geschöpfe und ihren Boden, denn du bist verantwortlich für Ländereien und Tiere».

Einem Hadith gemäss soll es der Prophet Mohammed sehr begrüsst haben, dass in Medina viele Menschen den Bauern ihre Früchte schon abkauften, bevor sie heranzuwachsen begannen. Daher entstand die islamische Tradition des ‹Salam-Vertrags› zur Vorfinanzierung landwirtschaftlicher Arbeiten. Diese wurde 1995 von der Rechtskommission (Fiqh-Rat für die angewandte Schari’a) der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) bekräftigt: Es sei ein guter Weg, Landwirtschaftsprojekte zu finanzieren, ohne gegen das koranische Zins- oder Wucherverbot (3.130) zu verstossen: indem den Projektträgern Geld gegen das Versprechen einer bestimmten Menge zukünftiger Ernten gegeben werde.

Für den Umgang mit dem Boden interessant ist auch die in Hadithen gründende religiöse Rechtsinstitution des Waqf, übersetzbar als «fromme Stiftung»: Da Gott immer der Bodeneigentümer bleibe, der Mensch nur Verwalter sei, würden von Gott menschliche Akte fairer Umverteilung sehr begrüsst. Somit trage es zum Seelenheil auch der Grossgrundbesitzer bei, einen Teil ihrer liebsten Güter an gemeinnützige Träger zu verschenken.
Dieser Güterstiftung verwandt ist die Tradition des Zakat, einer (meist freiwilligen) Naturalsteuer zugunsten von Bedürftigen im Falle, dass Viehbestände oder Ernten eine bestimmte Schwelle überschreiten.

Der theoretischen oder gelebten Gegensätze zwischen den Religionen gibt es viele. Beim Boden gibt es hier ähnliche kulturelle Grundlagen und Probleme.

Wer hätte gedacht, wie sehr manche Forderungen der neuen sozialen Landwirtschaftsbewegungen in Europa mit entsprechenden der islamischen Rechtswissenschaft übereinstimmen?”

 

Eine Übersicht zur aktuelle Ausgabe des Magazins «Kultur und Politik» finden sie hier.

Den ganzen Artikel finden Sie hier: Boden-im-Islam_3.2017 (mit freundlicher Genehmigung des Bio Forum Schweiz)